Propaganda als Kunst und Kunst als Agitation

23.05.2010 Haimo L. Handl

Das MAK, das gerne Vorreiter sein möchte, versucht's diesmal mit einer einzigartigen Show nordkoreanischer Kunst. Da muss das Attribut «Staats-» gar nicht angeführt werden, denn in dieser totalitären Diktatur gibt es nur Staatskunst, sozialistischen Realismus als Realismus. Das heißt, als Fiktion, als propagandistische Persuasion und Beteuerung, Beweihräucherung. Ein Hofstaat, wie er sonst in so reinen Formen nirgendwo mehr existiert, aber seine Nachbarschaften und Verwandtschaften hat, weltweit, zumal das Totalitäre oder die Führerausrichtung, auch wenn's ein Kaiser als Vaterersatz war, nur eine kurze Vergangenheit hat und seine Auswirkungen auch in Kulturen und Gesellschaften der «modernen» Welt zu spüren, zu erleiden sind.


Davon aber handelt die Ausstellung nicht. Sie zeigt, für den «Westen» einmalig, diese politische Staatskunst als «unpolitisch», wie der gewiefte Direktor nicht müde wird zu betonen, ihm und seinem Haus gehe es nur um Kunst und sonst nichts. So einfach ist das.

Bei der Nazikunst würde sich diese Haltung als politisch unkorrekt rächen. Bei der stalinistischen schon weniger. Bei der koreanischen kommt das Exotische dazu und die Show gilt als Kunstkulturleistung. Aus unpolitischen Gründen, die natürlich politisch sind.

Ganz gleich, wie stümperhaft der Direktor argumentiert: ein Museum soll auch diese Kunst zeigen. Das gilt auch für solche aus der Sowjetunion oder Hitler-Deutschlands. Oder anderer Diktaturen. Mich stört nur die Verbrämung, die falsche Argumentation. (Alle Bildung über die Chimäre der Wertfreiheit scheint bei diesen Experten nichts gefruchtet zu haben. Sie sind Mitläufer, Geschäftsdiener, wenn auch smart und anerkannt.)

Die Ausstellung ist schön. Sie ist lehrreich. Sie könnte sogar die Augen öffnen. Nicht nur hinsichtlich Koreas und seiner Diktatur. Nicht nur wegen gewisser Ausformungen sozialistischen Realismus. Nein. Auch hinsichtlich einer quasi-totalitären Ausrichtung hier bei uns, im sogenannt freien Westen.

Manchmal wünschte ich, es würden parallel zu den Ostschinken Videos unserer gängigen Fernsehwerbungen laufen: sofort könnte man den gleichen Bildstil, die Verlogenheit der Vorspiegelung und Anderes mehr erkennen. Nur, dass bei uns keine Regierung diktieren muss, was der Markt, aus Kalkül, uns zumutet: die Gleichausrichtung, die nur aus gewissen Gründen noch keine staatliche Gleichschaltung ist, die Verdummung, die Filterung. Das gleiche Strahlen frohgemuter Gesichter. Der Blick nach oben. Die Gläubigkeit. Unsere Bilderwelten sind voll von ähnlichen Propagandaklischees, die den meisten nicht als solche auffallen, weil sie Teil der Konsumwelt sind. Weil sie schier inhaliert werden. Der Kult mit Bio und Ursprünglichkeit, Natur und volksnaher Authentizität, Gesundheit und Verstopfung, Blähung und Sinnlichkeit des Wassertrinkens, Ausrinnschutzmittel und Sportverpflichtung für alle Tage, instant cooking als Chefkochmeisterei und andere Peinlichkeiten neben Farbtupfer für den Alltag, fürs Beisammensein, für Geselligkeit, für Geldanlage oder Heimwerkerei, Kurzurlaub oder Medienkonsum. Hätte ich hier Platz, könnte ich einen Bildkatalog füllen mit Sujets und visuellen Klischees, neben den sprachlichen Fixmarken, dass man den fehlenden Unterschied zur verordneten heilen Welt aus dem Fernen Osten sieht, weil man den Unterschied nicht sehen kann.

Eine tiefe Verwandtschaft der falschen Versprechen, der Gängelung zeigt sich da. Allerdings mit dem Unterschied, dass die Braven in Korea keine andere Wahl haben, bei Abweichung mit empfindlichen Sanktionen zu rechnen haben, während hier, im freien unfreien Markt, gewisse kleine Wahlen und Abweichungen noch möglich sind. Das ist es aber schon.

Also könnte oder sollte man dem MAK danken, dass es in seiner vorgespielten Kunstgeschäftigkeit uns doch einen Dienst erweist. Zumindest für jene, die über den Tellerrand hinaussehen oder jenseits des Monitors, die den Filter, den die Medien so gekonnt liefern, schwächen, abheben oder zerreisen können. Denn, wie gesagt, noch ist das hier möglich.

Wenn wer meint, unsere Vielfalt sei von ganz anderer Qualität als die koreanische Welt uns zeigt, übersieht, dass es weniger auf die Quantität ankommt, als die Qualität. Aber das war gleich nach dem Zweiten Weltkrieg einigen wachen Kritikern schon bekannt - und weniger dem Publikum. Bei uns nämlich vermögen die Firmen mittels inszenierter Vielfalt zu täuschen, ähnlich wie die Medien mit ihrer Art Vielfalt und Informationsflut verdecken anstatt aufdecken. Aber das ist schon ein anderes Problem, als es die Koreaner haben. Immerhin führt ihre Bilderwelt unsereins vielleicht dazu nachzusehen, nachzuschauen, nachzudenken.

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