In Zeiten der Krise: Exquisit teure Kunst und Tempel samt Events

16.05.2010 Haimo L. Handl

Bis vor kurzem sagte man stolz: «Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s allen gut.» Seit den Raubzügen und staatlichen Umverteilungshilfen zugunsten der Reichen und Superreichen hat der Slogan etwas von seinem Charme eingebüßt. Im Kulturbereich gilt anscheinend eine entgegengesetzte Logik: Geht’s allen schlecht, geht’s der Kunst besonders gut. Einer gewissen zumindest.


Kunst ist nicht l’art pour l’art, sondern Mittel und Zweck für Kunstfremdes: für Tourismus (früher «Fremdenverkehr» genannt!), für Städtebau, für Politimage und Prestige, für Politik und Weltoffenheit. Neuerdings auch als Ausweis für Sozialengagement und Multikulturalismus. Die Experten, die Politiker und Geldgeber, als die Wichtigen, die etwas zu sagen haben, reden nicht gern von Kunst als Kunst, sondern von Kunst als Werkzeug, als Mittel. Sie reden von Effekten. Von Events. Die Supererlebnisereigniskultur wird gefeiert. Man investiert nicht IN Kultur, sondern MIT Kultur. Wofür? Für Stadtviertel, Nah- und Fernversorgung, Kommissionen, Schulen und Betriebe, für Tourismus und fürs Image.

So legitimiert man Großsucht und Schaugehabe. Wie früher. Ob Bilbao oder, jetzt, Metz. Ob Salzburg oder Wien, ob Berlin oder die Ruhrmetropole, ob Dubai oder Shanghai: man hört, wie früher von den Amerikanern, nur Superlative, nur Hochtöne, nur Steigerungsausdruck.

All dies steht in krassem Widerspruch zur Kultiviertheit, zur Bildung, wie sie gesellschaftlich messbar sind. Wie sie in den Massenmedien sich widerspiegeln. Sprachverarmung, schrumpfende Kommunikationskompetenz, der ein wachsendes Heer von Experten für Kommunikation und Werbung, für Propaganda, wie man es früher offener nannte, gegenübersteht. Un- oder Halbbildung, der die Werbung um Eliteinstitutionen gegenüberliegt. Wachsender funktionaler Analfabetismus, während Lange Nächte in Kulturdienstleistungseinrichtungen ein Massenpublikum erfreuen, Buchmessen und Buchwochen aus allen Nähten platzen. Ein Missverhältnis, das niemand gerne misst, weil es das traute Bild stört, den Festivalbetrieb, den Verkehr, den Austausch.

Kultur wird dort geschätzt, wo sie was einbringt, Devisen, Valuten, Umsätze. Wo sie das Ansehen steigert. Wo sich die Imagepolitur auszahlt. Es gelten Werte des globalisierten Geschäfts. Danach richten sich die Preise. Und die Kritiken. Und die Kommentare. Wer selber denkt und urteilt, ist out, gefährdet seinen Job. Wer angepasst ist, zeigt Fortschrittsintegration. Ist ein korrekter Gutmensch.

Obwohl es in unseren offenen Gesellschaften keine verbindlichen Werte mehr gibt in den Kunstbereichen, gerieren sich Kritiker und Geschäftemacher, als ob sie darüber verfügten. Sie verfügen über den Markt – und die Konsumenten. Kunst und Bildung bleiben dabei auf der Strecke. Um die geht es auch nicht. Es geht ums Geschäft. Um den Markt. Um den globalen Stellenwert. Ums Image.

Wie in der Politik beweisen uns die Inszenierungen in der Eventkultur die Wichtigkeit des Showcharakters, des Spektakels. «Im Westen nichts Neues» wurde überrundet: Global nichts Neues. Es triumphieren die Formen, nicht die Inhalte. «Wer etwas zu sagen habe, trete vor und schweige!» ist lange, lange schon vorbei. Heute wird lärmend nichts gesagt und dabei Geld verdient, Kapital angehäuft, auch symbolisches. Im Triumph des Utilitarismus sind die Menschen so austauschbar geworden, so entwertet, wie das inflationäre Geld, das schier niemand mehr überschaut. Die Verdinglichung hat sich festgefressen, was auch die angestellten Künstler, Kulturexperten, Coaches, Psychologen und Psychiater neben der Schar von Expertenkonsulenten nicht wettmachen können, trotz bemühtester Newspeak.

Irgendwie harzt es, nicht nur bei BP, die sich grün gab und als «beyond petroleum» anpries und deren Täuschungspolitik wenigstens jetzt für die Dauer des realistischen Gegenteils der Meeresverdreckung kurz bloßgestellt ist. Die Demaskierungen und Bloßstellungen der Kirchen sind unterschiedlich stark im Gange, die der nationalen Politiker und ihrer Helfershelfer lässt noch auf sich warten. Und die Massen, die willig mitmachen, als dumpfe Konsumenten nur vermeintliches Vergnügen und ihre Art des symbolischen Kapitalgewinns einheimsen wollen, die kleben am zähesten an den brüchigen Illusionen. Sie bilden damit den Bodensatz, den die gewieften Kulturmanager mit ihren Marktkünstlern (früher Hof- oder Staatskünstler), Bütteln und Mitläufern, beackern und düngen. Die Jauche scheint immer noch zu wirken. Die Beschissenen, die Gedüngten (Betreuten) zahlen und freuen sich, ja sind noch stolz dabei. Mehrheitlich zumindest.

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