Griechische Pein

02.05.2010 Haimo L. Handl

Verantwortliches Management kennt für seine Projekte immer Pläne für den «Fall der Fälle», das sogenannte «worst case scenario». Auch wenn es noch so unwahrscheinlich klingt, man muss wissen, was wie zu geschehen hat, wenn: Wenn dies oder jenes geschieht bzw. NICHT geschieht, was weder vorhergesehen noch erwartet ist. Generell müssen schlimmste Einbrüche oder Unfälle bedacht und durchgerechnet werden, um zu sehen, was dann wie geschehen kann, um davon Sollmaßnahmen abzuleiten. Das gilt bei Verkehrseinrichtungen ebenso wie für Gebäude, Kraftwerksanlagen, Staudämme, Bergwerke usw. Es gilt auch politisch für soziale Unruhen oder gar Krieg.


Die fast kriegsähnlichen Vermögensvernichtungen durch die Spekulationsgeschäfte und den daran beteiligten Finanzeinrichtungen haben sogar in den kapitalistischen Ländern selbst einige Kritik am Spekulationsmarkt aufkommen lassen. Die dauert jedoch nur ganz kurz, als es für Momente aussah, einige große Banken seien ins Trudeln gekommen. Aber nach kurzer Zeit erwies sich die Robustheit des Systems, das immense Haftungsvermögen der Staaten, die die Maxime des «freien Marktes» eisern unter Beweis stellten, indem sie den Freien unterstützend zur Seite sprangen, um regelwidrig, mit Steuergeld auszuhelfen, damit das Geschäft als Ganzes nicht irreparablen Schaden nähme. Ein solcher hätte nämlich die Gefahr bedeutet, dass just nach dem Sieg des Kapitalismus als alleiniger Ideologie, dieser durch ein paar unleidliche Vorkommnisse nicht nur Retuschen, sondern noch nie dagewesene Änderungen zu gewärtigen hätte. Diese Gefahr wurde rasch abgewendet.

Einige Länder der Europäischen Union sind allerdings in Finanzschwierigkeiten geraten. Zu sagen, dies sei direktes Ergebnis der besagten Bankenkrise, wäre etwas zu einfach. Dass sich die Krise in Griechenland so hart zeigt, aber auch in Portugal oder Spanien bzw. in Bälde auch in Irland, liegt nicht nur an gewissen Finanzaktionen, sondern auch am allgemeinen Wirtschaftsgebaren dieser Länder und an ihren jeweiligen «Steuerwirklichkeiten», dem Ausmaß der Korruption. Korruption ist nicht nur eine östliche Krankheit, die vor allem Bulgarien und Rumänien als jüngste, viel zu früh integrierte Mitglieder der Union negativ auszeichnet, sondern auch eine südliche, das man eben in Griechenland kennt, aber auch Italien, Spanien und Portugal (um mal in der jetzigen Krisenregion zu bleiben).

Bei Griechenland kommt hinzu, dass die Regierungen zusätzlich aktive kriminelle Finanzmachenschaften tätigten. Das Schadensausmaß ist so groß und dramatisch, dass die EU hilft, weil sie helfen müsse, wie betont wird, um noch größeren Schaden abzuwenden.

Man reibt sich die Augen und staunt. Die Union, die vor einem Jahrzehnt unserem Land Sanktionen aufbürdete und sich als Politpolizist gebärdete, steht stramm mit Milliarden da, um kriminelles Verhalten zu belohnen, um «auszuhelfen», damit das ganze Gefüge zum Weiterwerkeln tauge.

Die Union, die sonst so auf Maastricht-Kriterien pochte, die auf OECD-Vorgabenerfüllung erpicht ist, sich überall einmischt, auch wo es wenig sinnvoll erscheint, zeigt Verständnis und handelt rasch - mit Steuergeld, denn die Kommission hat ja nicht irgendwo einen Goldesel.

Es zeigt sich, niemand kennt ein worst case scenario. Unsere Spezialisten und Profis, unsere Experten arbeiteten freihändig. Dafür werden sie ja überbezahlt. Dafür gibt es Millionen für Millionen an Expertengutachten usw., damit man in einer Krise draufkommt, es fehlen Ausstiegs- und Rückzugspläne, es fehlen Pläne für besondere Finanzaktionen oder deren Vermeidung usw. Es fehlt also am Wichtigsten. Und das seit je.

Der Schaden, den Griechenland den Union, uns allen also, bisher angerichtet hat, ist immens. Niemand spricht von Sanktionen. Alle reden von Hilfe. Welcher Hilfe? Aber die ganz einfache, jedoch bohrende Frage bleibt offen: Was, wenn die Hilfe nicht hilft? Es braucht ja eine Umsetzung in Griechenland selbst. Und die sieht eher unwahrscheinlich aus. Was, wenn dort ein Bürgerkrieg sich herauswächst?

Anderes Szenario: Was, wenn in Geberländern die Menschen an der Basis ebenfalls revoltieren, wenn sie sich langsam konkret klarmachen, worum es geht. Z. B. darum, dass griechische «Reiche» in den letzten Wochen über acht Milliarden Euros aus dem Land schafften, ganz legal, um die «Rettungszahlungen» den unteren Schichten alleine aufzubürden? Eine Summe übrigens, die alleine Deutschlands Steuerzahler beisteuern sollen, jene also, die man in Zeiten der Not gerne wieder schimpft, als Nazis verschreit? Was, wenn die Deutschen ihre Massentourismusströme nicht nach Griechenland oder Spanien richten? Könnte ja sein, dass in Kürze was aufstoßt, nicht zuletzt wegen der peinlichen Klischees und Vorurteile.

Was, wenn Spanien und Portugal absacken und Milliarden verlangen? Was, wenn die Eurozone bricht, wenn durch den Verfall des Euros die Kernländer unvorhergesehene Einbussen hinnehmen müssen. Was, wenn solche Hilfen nicht mehr leistbar sind?

Sozialdusler, Rentner und unverbesserliche 68er, die gerne in südlichen Gefilden billig leben und auf den Kapitalismus schimpfen, haben sich bisher einen Dreck um Korruption und Steuermoral geschert. Ich kenne einige, die «unten» kleine Geschäfte machen und die südliche Geschäftsart loben. Sie können sich nicht vorstellen, dass dieselbe Geschäftsart, in anderen, höheren Dimensionen, zu enormen Problemen führt, weil dem Staat Mittel verloren gehen, weil Einkommen sich unberechenbar verschieben, die Korruption zuviel wegfrisst.

Bulgarien und Rumänien wurde, als die Korruption zu offen nicht nur Misswirtschaft, sondern Kriminalität bewies, die Rute ins Fenster gestellt. Nicht so den älteren Mitgliedsländern. Aber der Süden Europas ist ein Korruptionssumpf.

Was, wenn jetzt auch andere Länder den billigeren Weg gehen und auf z. B. Deutschland schimpfen. Forderungen zuerst dorthin richten, anstatt an sich selbst stellen bzw. an jene Länder, die so negativ wirtschafteten? Frankreich hat schon einiges angemeldet. Andere werden folgen. Gibt es überhaupt Vorstellungen von worst cases, die sich einstellen, wenn Wesentliches geändert wird, weil bisherige, übliche Mittel nicht greifen?

Was, wenn die alten Ressentiments, jetzt gefährlich dumm wieder reaktiviert, als Pandemie um sich greifen? Wenn die neuen, östlichen Mitgliedsländer ihre Nationalpolitiken damit stärker aufpolieren? Wann resultiert das in einer eigentümlichen Allianz des Südens mit dem Osten - mit unabsehbaren Folgen?

Man mutet den Menschen zu, weiter den Regierungen zu vertrauen. Just jenen, die sie ins Unheil geführt haben. Man tut sogar so, als ob die Großen und die vielen «Kleinen» nur Opfer seien, als ob eine Korruptionskultur nicht einer allgemeinen Akzeptanz bedürfte und generell nicht nur geduldet, sondern «gepflegt» wird. Man geht den einfachen, falschen Weg, Sündenböcke woanders zu suchen. Welche stehen zur Verfügung? Welche werden nächstens gefunden? Und was wird daraus folgen?

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