Widersprüchlichkeiten

11.04.2010 Haimo L. Handl

Mit 16 Jahren darf man bei uns sich legal sexuell betätigen, man darf schon wählen und das politische Leben mitbestimmen, aber nicht in ein Solarium. Die elterliche Gewalt ist noch nicht ganz aufgehoben, und wenn etwas «schiefgeht», wird das jugendliche Alter mildernd berücksichtigt. Für die politische Wahl gilt das natürlich nicht.


Der Zustand ist symptomatisch für eine konfuse Gesellschaft, die beides will, den Groschen und das Brot, sich aber nicht traut, konsequent eine Linie zu verfolgen oder das Kind beim Namen zu nennen. Es hängt mit Verantwortung zusammen. Man hat ja nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten. Hier ist vieles tabuisiert.

Es gibt jetzt weniger Verkehrstote im Jahr, heißt es. Aber die Zahl der «Opfer» (ja, schon wieder Opfer, was sonst?!) ist immer noch hoch; und ich frage mich, ob man einem zumutet, mit einer geringeren Zahl sich einfach abzufinden, weil sie «normal» sei, weil der Verkehr halt einfach Opfer fordere. Zum Beispiel am Land, wo viele Landstraßen mit Bäumen eingefasst sind, die als Todespfähle eine idyllische Straße zur Todesstrecke werden lassen, wie mir die kleinen Massenblättchen und der Landfunk mitteilen. Als letzthin ein Junger mit seiner Freundin in einem «getunten» Golf GTI mit 150 «Sachen» anstatt auf der Straße in so einen Baum fuhr, meldeten sich Freundinnen und Freunde, Verwandte und Gutmeinende und trauerten ob der «Tragik». Und tatsächlich wurde von der Todesstrecke geschrieben und gefordert, die Bäume müssten endlich gefällt werden.

Dass der Unfall kein tragisches Götterschicksal war, sondern dem unverantwortlichen Leichtsinn des Jugendlichen zuzuschreiben ist, wurde verdrängt, nicht ausgesprochen; es hätte den Opferdienst gestört. Schuld war der Baum. Jetzt besteht die Gefahr, dass einige gefällt werden. Was dann? Auffangnetze für jugendliche Raser? Wie wäre die Tragik dargestellt worden, wenn nicht ein mörderischer Baum das Auto zerlegt hätte, sondern, zufällig, Fußgänger am Rande gegangen wären, die der Raser niedergemäht hätte? Selber schuld, weil zur falschen Zeit am falschen Ort der Tragik? (Der besoffene Kärntner Autoraser Haider hat dankenswerterweise auch nur sich in den Tod gefahren. Aber der unverantwortliche, fahrlässige Leichtsinn wurde nicht beim Namen genannt, eine Opferhysterie brauch aus.)

Die EU übt sich in Ablenkungsmanövern und täuscht uns zynisch mit Gesundhalteverordnungen. Das Polizeidenken triumphiert: bald darf niemand mehr in der Union rauchen. Rauchen wird kriminalisiert. Es sei ungesund. Dass die Mobberei, die Korruption, die Ausbeutung, die in der Union politisch gestützt Tagesgeschäft sind, mehr Existenzen bedrohen und vernichten, zwangsweise für jene, die drankommen, gilt offenbar nicht. Auch der Feinstaub nicht. Auch der Lärm nicht. Sogar der Alkohol nicht. Es gilt, den Menschen das Rauchen zu verbieten.

Der Anteil von Verkehrsunfällen, der auf alkoholisiertes Fahren zurückgeht, ist enorm hoch. Es gibt keinen Beweis, dass Rauchen solch tödliche Fehler hervorruft oder begünstigt. Im Gegenteil: in Stresssituationen raucht der Arzt, der Soldat, der Ingenieur, der Geängstigte. Und unsere Politiken treiben die Ängste hoch, verstärken die Existenzsorgen - und fordern dann aus Gesundheitsgründen ein allgemeines Rauchverbot. Ich wüsste andere Verbote, wenn schon. Aber dieser ganze Verbotsweg ist übertrieben, hysterisch, krankhaft. Politisch krankhaft.

In den Discotheken wird gesoffen, in den Gasthäusern, in den Cafes. Überall trinken viele nicht nur, sondern saufen. In Österreich laufen Kampagnen gegen Alkohol am Steuer. Aber sogar auf Autobahnraststätten wird Alkohol ausgeschenkt, in fast jeder Tankstelle kann man sich mit Alkohol eindecken. Es wird, aus wirtschaftlichen Gründen, die Alkoholisierung gefördert.

Dieses bornierte Geschäftsdenken geht soweit, dass auch in Kliniken und Spitälern Cafes oder Imbisseinrichtungen Alkohol ausschenken. Nicht draußen, vor der Klinik, sondern als Serviceeinrichtung in ihr. Ich kenne Fälle, wo Alkoholiker, die auf Entzug waren, aber wegen eines anderen Leidens in der Klinik sich befanden, runter ins Cafe gingen und tranken, sobald sie aus dem Bett steigen konnten. Der arme Teufel, der süchtig nach einer Zigarette giert, wird kriminalisiert und verfolgt. Ist er ein Junky, kriegt er Spezialhilfe und vielleicht Ersatzdrogen, der Gewöhnliche kriegt nur Verbote. Aber alle, die Alkohol wollen, kriegen ihn, sogar im Spital. Schöne Logik.

Die Lebensmittelproduktion ist in einigen Bereichen bedenklich gefährdend. Die Maßnahmen dagegen stehen in keinem Verhältnis zur Massengefahr. Sogar wenn Todesfälle sich ereignen, braucht es unendlich lange, bis die Maschinerie der Bürokratie greift. Und dort, wo es keine dramatischen Fälle gibt, gibt es keine Aktionen, keine Antikampagnen. Da wird uns oft schieres Gift verfuttert, bereichern sich die Konzerne - und alle machen mit. Im Gegenteil: wenn radikale Tierschützer warnen, werden sie als Terroristen verfolgt. Wenn jemand eine Firma anklagt wegen Umweltvergehen, muss er um sein Vermögen fürchten, wenn nicht um sein Leben, je nachdem, wer sein «Gegner» ist, welche Interessensgruppen hinter ihm stehen. Das reicht vom Fleischfabrikant bis zur weißwestigen Pharmaindustrie, vom Milchindustriellen bis zur Saatgutproduktion usw.

Ich will weder Alkohol verboten haben, noch Nikotin oder Marihuana. Und ich meine, nicht alle die gerne trinken saufen auch. Und nicht alle «Hascher» wären Anwärter für harte Drogen. Und jene, die rauchen wollen, frönen einer Leidenschaft, einer Sucht, die krank macht, mehr oder weniger zumindest. Stimmt. Aber wenn die Maxime ist, nichts, was krank macht, darf sein oder getan werden, dann steht morgen die ganze Gesellschaft still. Dann bewegt sich nichts mehr im Starrkrampf, weil alle Lebensbedingungen, für die Mehrheit jedenfalls, schier mörderisch sind. Krankmachend, belastend. Weshalb die EU und die Kleinpolitiker dahinter ablenken mit Antiraucherkampagnen.

Ich will auch kein Wahlrecht für Sechzehnjährige, wenn man die Mündigkeit nicht anpasst. Andererseits fordere ich von der Mündigkeit, dass sie ist, was sie heißt. Und das muss sich in der Verantwortlichkeit beweisen. Hier wird eine Lebenslüge fabriziert und sozial zementiert. Keine guten Voraussetzungen für eine positive politische Entwicklung.

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.