Urbane Unfreundlichkeit

04.04.2010 Haimo L. Handl

Betteln bei Strafe verboten, Herumlungern unerwünscht. So wollen die Städte aufräumen mit dem Abschaum, indem sie Armut kriminalisieren, um die Lästigen, die Bettelnden, die Sandler, die Obdachlosen, die Streunenden wegzukriegen. Nachdem es nicht mehr, wie früher, rechtens möglich ist, Landstreicher einfach zu verhaften und in Zellen zu stecken, kriminalisiert man die passive Tätigkeit des Bettelns, als ob es ein aktives Stehlen wäre. Es reicht die Belästigung.


Um das Gutmenschlertum zu unterstreichen legitimiert man das harsche Vorgehen mit dem Kindeswohl, mit der Lage der ausgebeuteten Armen, die meist von mafiaähnlichen Clans oder Organisationen gezwungen würden, missbraucht würden für diese Art Geldbeschaffung. Dem wolle man Einhalt gebieten. Wie nett und freundlich.

Wer bettelt schon freiwillig, so mir nichts, dir nichts? Klar, dass etwas einen «treibt» und «zwingt», nämlich die Not. Jetzt wird einfach ein Organisationsmoment ersehen, das nicht weiter schwer ist zu formulieren, da z. B. fast keines der Kinder alleine, ohne Familie, lebt. Die Großfamilie bietet, anders als bei den wohlhabenden Singles, die letzte Überlebenschance der Verfemten oder Verarmten. Just das wird ihnen nun zum Verhängnis: Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung. Es hat System: damit hat man ja gewisse Tierschützer als Terroristen gejagt und eingelocht, und wird nächstens andere wegbringen, nur nicht jene, die als Wehrsportertüchtigte, als Neonazis und anderes Braungevölk ihr Unwesen trieben und treiben. Denn das passt offenbar ins System. So gut, dass der Hochgekommene, der Angestellte, sein Maul frech aufreißt und Scheußlichkeiten plärrt und kotzt, dass einem, der nicht von gleicher Abart ist, schlecht wird.

Und die Sandler! Die stinkenden, angesoffenen oder betrunkenen, schmierigen Obdachlosen. Sie stören einfach schon durch ihr Dasein. Früher, «Jo früha hätt's des net gebn!» hört man allenthalben, und Polizeistreifen müssen sich wieder der Reinigungsarbeit besonderer Art widmen: den sozialen Unrat wegweisen*. Diese Armen sind, wie die Junkies, down and out.

Denn alle, die durch ihr Erscheinungsbild den normalen Stadtverkehr stören, die ordentliche Kommunikation und Konsumtion, will man weg. Noch weiß man nicht, wohin. Aber man schmiedet Pläne. Alte Paragrafen gehören wieder her. Auffanglanger, die man modern anders nennt. Wegweiserecht. Präventive Verhaftung.

Die praktischen Auswirkungen der ängstlichen Sauberkeitspolitik sind jetzt schon für alle spürbar: es gibt fast keine Bänke oder Sitze mehr auf Plätzen und an Straßen, die gratis von jedermann benützbar sind. Denn die laden ja Bedürftige, Müde, Sandler und Herumstreicher ein. Also muss man in teure Lokale gehen, wenn man warten will oder muss. Haltestellenunterstände sind von smarten Designern so entwickelt, dass sie keinen Wetterschutz bieten, sondern nur danach aussehen, würden sie doch unweigerlich das Elend anziehen...

Die Herren und Damen in den weißen Westen fallen nicht unangenehm auf, und wenn, wie etwa durch Milliardenverluste, dann hilft man ihnen in der bemühten Umverteilung von unten nach oben. Aus Staatsräson. Im Allgemeininteresse, Stehe ja zuviel auf dem Spiel, heißt es.

Es besteht wahrscheinlich ein Nexus zwischen der dummblöden, einfältigen Hinnahme dieser Ungeheuerlichkeit von staatsverbrechender Ausbeuter- und Umverteilerpolitik und der aggressiven Aversion gegen jene, die nichts mehr haben, die offensichtlich, unübersehbar arm und bedürftig sind. Sie bilden den Aussatz, den man insgeheim vielleicht fürchtet, weshalb man ihn so vehement abwehrt.

Dabei wäre ein Abwehren der feinen Pinkel, die uns berauben, betrügen, bestehlen und ausbeuten, das zuvorderst Wichtige, das Dringende. Weil das aber das System angriffe, arbeitet fast alles im Staat zu seiner Sicherung. Deshalb schürt man den Hass gegen die Armen, die Sandler und Bettler, die Zigeuner und Fremden, sieht in ihnen eine Bedrohung, ein Verbrechertum.

Hält dieser inhumane Trend an, werden wir bald stärkere Probleme mit Randschichten bekommen, mit, wie man früher sagte, «ausgesteuerten» Arbeitslosen, mit Obdachlosen, mit Bettlern, die meist mit Zigeunerbanden als kriminelle Organisationen gleichgesetzt werden. Das wird nach mehr Polizei rufen, nach strengeren Kontrollen, nach Lagern. Die alte Lagerpolitik wird auferstehen. Der Blockwartgeist gesellt sich zum Polizeidenken der Spießer.

Bald werden wieder Gedichte geschrieben werden müssen, wie zu den schlimmen Zeiten des Expressionismus. Keine schönen Aussichten.

* Dankenswerterweise hat die unvernünftige Rechtschreibreform nicht erzwungen, alles getrennt zu schreiben. So erkennt man sofort den Unterschied zwischen «wegweisen» als «abweisen» im Gegensatz zu «Weg weisen», jemandem die Richtung (an)zeigen. Wer weiß, ob nicht bald eine Reform erfolgt, damit der negative Gehalt des Wegweisens eufemistisch verdeckt wird durch die Mehrdeutigkeit der Getrenntschreibung? Es würde mich nicht überraschen, denn vieles, das fehler- und mangelhaft aussieht, hat Kalkül im Hintergrund.

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.