Bildungsbehinderung

07.03.2010 Haimo L. Handl

Sogar in bürgerlichen Zeitungen in Österreich wird die gefährlich dumme, simple Hürdenpolitik der ÖVP im Bildungsbereich kritisiert und angeprangert. Diese kurzsichtige Maßnahmenpolitik entspricht der ebenso kurzsichtigen im Verkehr: man kann durch Schikanen, Aussperrungen usw. den Verkehr behindern und damit schlussendlich mindern, nicht aber das Problem lösen, vor allem dann nicht, wenn keine Alternativen geboten werden. Man vergrößert nur die Probleme und steigert die Kosten, finanzielle und ökologische.


Ähnlich im Bildungsbereich. Die neue Ministerin Karl hat ein Politikkonzept, das einer verängstigten Großmutter, die den Anschluss an die Moderne verpasst hat, entspricht und erschöpft sich in Behinderungen zwecks Reduzierung der Studentenzahlen, zwecks Einsparung von Mitteln. Andererseits brüsten sich Volkspolitiker der Volkspartei mit neuen Eliteeinrichtungen. Nichts passt zusammen.

Langfristig ist es aber nicht primär die Frage der finanziellen Dotierungen, sondern des Gesamtverständnisses von Bildung. Auch wenn sich die konservativen, unternehmerfreundlichen Profitdenker der VP entschlössen, das alte Konzept von Zugangsbehinderung als Vorselektion aufzugeben, würde das kein nachhaltiger Beitrag zu einer dringend nötigen Bildungsreform darstellen.

Aktuell jedoch beweist die gar nicht so alte Ministerin Karl, dass sie borniert alten Geistes ist, unfähig, sich den Herausforderungen der Zeit zu stellen. Sie entspricht damit dem hausbackenen Geist der Krämerseelen dieser Partei. Leider steht ihr in der SP kein Herausforderer gegenüber. Unser Land leidet unter den Untermäßigen, den Schwachen, den Mitläufern, den Egoisten, den Unverantwortlichen, den Schwätzern.

Man tut so, als ob die Bologna-Beschlüsse sakrosankt wären. Man redet sich aus, wie man sich damals eingeredet hat mitzumachen. Die Österreicher waren ja begeisterte Reformer 1999. Die tiefe und breite Bildungsmisere beweist die unverantwortliche Kurzsichtigkeit der Experten und Politiker. Das ist nicht nur ein österreichisches, das ist ein europäisches Problem. Aber eben auch ein eigenes.

Jetzt werden vordergründig ad hoc Maßnahmen diskutiert und der Fokus aufs Finanzielle gerichtet. Ich befürchte, mit dem herrschenden Unwissen und einem reduzierten Ausbildungsbegriff würden auch mehr Milliarden wenig Nachhaltiges bewirken. Dazu bedürfte es einer Besinnung, was Bildung sein solle. Und ob man den Primat der Ökonomie zum Hauptmaßstab des Qualitätsverständnisses und der Bildungsausrichtung nehmen solle.

Gegenwärtig ist die Umbildung zur Unbildung so tief verankert, dass mit Finanzen alleine nichts wirklich gelöst werden kann, außer man will die simple Zurichtung und Einpassung künftiger Erfüllungsorgane, leicht lenkbarer Arbeitskräfte, fördern. Das käme einer Perpetuierung der Unbildung gleich, einer Verfestigung des Kulturverlustes, den wir seit Jahrzehnten erleiden (unter tatkräftiger Mithilfe sogenannter Experten und der Medien).

Es fehlt der Weitblick, das Vorausschauen ebenso, wie das Wissen um die Vergangenheit. Zwar wird vielerorts «Niemals vergessen» proklamiert, aber das bleibt für enge Bereiche reserviert. Im Kultur- und Bildungsbereich scheint die kurzsichtige Gegenwartsvergessenheit allgemeine Übung. Aus ihr erwächst die Dummheit, die gefährlich wird und uns Einiges kostet. Am Ende wahrscheinlich das, was Europa zu Europa gemacht hat.

1999, im Jahr der Bologna-Beschlüsse, hat der Latinist und Altphilologe Manfred Fuhrmann sein Buch « Der europäische Bildungskanon des bürgerlichen Zeitalters» publiziert und eine daran angelehnte Vortragsreihe gehalten, die in einem kleinen Büchlein, 2002 bei Reclam erschienen, Ausdruck fand: « Bildung - Europas kulturelle Identität». Es ist jedem als Korrektur zur Ausbildungssicht des einseitigen Unternehmerdenkens zu empfehlen.

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