Séraphine
| 02.03.10 Walter Gasperi | Filmriss | |
![]() Martin Provost zeichnet in seinem mit sieben Césars ausgezeichneten Biopic ein ungemein feinfühliges und bewegendes Porträt von Seráphine Louis, die zu den bedeutendsten französischen Vertreterinnen der «naiven Kunst» zählt. Das ganze Leben der 1864 geborenen und 1942 gestorbenen Séraphine Louis, die nach ihrem Wohnort auch Séraphine de Senlis genannt wird, nach zu zeichnen versucht Martin Provost gar nicht erst. Statt Fakten und Eckdaten abzuhaken beschränkt sich der französische Regisseur auf drei durch Inserts zeitlich und geographisch datierte Abschnitte, gewissermaßen Akte eines Dramas, in denen er eine flüssige, sehr runde Erzählweise entwickelt. Nur rückblickend kurz erwähnt wird so eine unglücklich endende Liebesgeschichte Séraphines und auch die Entwicklung ihrer starken religiösen Gefühle und ihr Weg zur Malerei bleibt ausgespart. Ganz auf Augenhöhe der von der belgischen Schauspielerin Yolande Moreau – physiognomisch an Renée Zellweger erinnernd - mehr gelebten als gespielten Séraphine ist der Film, in der Einfachheit und Geradlinigkeit der Erzählweise kongenial passend zum Charakter dieser einfachen Putzfrau, die von ihren Dienstgeberinnen abschätzig behandelt wird. Anders als viele Biopics ist das keine dramatisch aufgepuschte Geschichte von Aufstieg und Fall, sondern das feinfühlige Porträt einer lange verkannten einfachen Frau, die trotz ihrer bescheidenen Herkunft – wenn auch erst posthum - Großes erreicht hat. Da wirft «Séraphine» dann auch Fragen nach den Kriterien von Kunst auf und stellt zur Diskussion, ob Kunst nicht erst durch Einschätzung eines Sammlers oder Händlers dazu gemacht oder dazu erklärt wird. Der erste Abschnitt spielt 1912 und in den folgenden Jahren. Schon mit den ersten Bildern steckt Provost hier das Leben von Séraphine ab. Auf einen Gang zur Kirche folgt das Putzen in einem herrschaftlichen Haus und zur Befreiung von dem bedrückenden Alltag die Flucht in die Natur. In diesen bestechenden Naturbildern, in denen Vogelgezwitscher und das Rauschen der Bäume im Wind für die Tonkulisse sorgen, ist Provost ebenso nah am Empfinden und der Malerei Séraphines wie in den dunklen Farben der Kleider, den engen Gassen des Dorfes, ihrem gebücktem Gang oder ihrer ärmlichen Kammer an der Beklemmung und depressiven Grundstimmung seiner Protagonistin. Die ruhige Erzählweise mit langen Einstellungen, nur dezent eingesetzter Musik und kleinen Pausen zwischen den Szenen durch Schwarzfilm korrespondieren ideal mit der Sanftheit und Einfachheit Séraphines. Um Malerei geht es hier lange nicht, viel Zeit lässt sich Provost, führt den Zuschauer langsam heran und verzichtet auf dramatische Akzente. In der unaufgeregten, jede Dramatisierung vermeidenden Erzählweise schleicht sich dieses Musik nur dezent einsetzende Malerporträt, aber umso nachhaltiger und bewegender ins Herz und Gedächtnis des Zuschauers ein. Als Putzfrau arbeitet Séraphine auch beim deutschen Kunsthändler und –sammler Wilhelm Uhde, der in Senlis Quartier bezieht um nach Picasso und dem naiven Maler Henri Rousseau weitere Künstler zu entdecken und Ausstellungen im nahen Paris zu organisieren. Durch Zufall stößt er bei seiner Vermieterin auf ein Bild Séraphines – und ist im Gegensatz zur vornehmen Gesellschaft, die über das Bild nur lacht, davon begeistert. So entwickelt sich eine Beziehung zwischen der Malerin und dem Kunsthändler nicht nur über das Berufliche, sondern auch über ihr Außenseitertum. Denn wie Séraphine eine von der bürgerlichen Gesellschaft verachtetete einfältige Hilfskraft ist, die weder grüßt noch sich bedankt, und sich von der Jungfrau Maria und den Engeln zum Malen aufgefordert fühlt, so ist Uhde, den Ulrich Tukur mit bewundernswerter Zurückhaltung spielt, als Deutscher und als Homosexueller ein Außenseiter. Die Kunst Provosts besteht darin, wie er beispielsweise diese sexuelle Orientierung Uhdes zunächst nur andeutet und dann auch im zweiten Abschnitt ganz beiläufig und selbstverständlich schildert. Aus nichts macht dieser Film ein großes Drama, auch nicht aus dem Ersten Weltkrieg, der bald losbricht und den Kontakt zwischen Séraphine und Uhde, der Frankreich verlassen muss, vorübergehend abbrechen lässt. Fernes Kriegsgrollen und Granatfeuer am nächtlichen Himmel sowie dunklere Farbtöne reichen da völlig, um eine Ahnung von den Schrecken aufkommen zu lassen, wie später der Hinweis auf die Weltwirtschaftskrise genügt, um im Kopf ein Bild von materieller Not und dem Zusammenbruch des Kunstmarkts aufsteigen zu lassen. So wird das Leben Séraphines, aber auch das Uhdes ganz beiläufig in die großen Ereignisse der Zeit eingebettet. Erst 1927 wird der Kunsthändler bei einer Ausstellung im Rathaus von Senlis wieder auf Séraphine aufmerksam werden, wird sie fördern, ihr ermöglichen großformatige Bilder von Blumen, Blüten und Obst zu malen. Erst jetzt rückt Provost die künstlerische Tätigkeit ausführlicher ins Bild, doch die Weltwirtschaftskrise wird den Traum von einer Ausstellung in Paris vereiteln. Etwas kurzatmiger, nicht mehr ganz so dicht ist «Séraphine» in dieser zweiten Hälfte. Aber Provost macht dennoch eindringlich erfahrbar, wie Séraphine aufblüht und wie sehr diese einfache, meist barfuß herumlaufende Frau von einem großbürgerlichen Leben träumt, wenn sie Tafelsilber, ein weißes Brautkleid oder eine große Wohnung kauft. Provost zeigt aber auch die schwere Erschütterung, die das Scheitern dieser Träume auslöst, das völlige Durchbrechen des religiösen Wahns, der zur Einlieferung in eine Nervenanstalt führt. Und trotz dieses tragischen Finales gelingt es Provost dennoch den Film mit einem großen Schlussbild versöhnlich und leicht ausklingen zu lassen: Wenn Séraphine aus ihrem Zimmer hinaus auf ein weites grünes Feld geht und sich unter einem Baum mit breit ausladendem Zweigen auf einen Stuhl setzt, dann kehrt der Film nicht nur zum Anfang zurück, sondern lässt auch Séraphine sich mit sich und der Welt versöhnen, Harmonie und Ruhe finden. Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Do, 1.4., 20 Uhr + Sa, 3.4., 22 Uhr Trailer zu «Séraphine» | Séraphine |

