Der lustvolle Schreckensschauer

21.02.2010 Haimo L. Handl

Das Erdbeben in Haiti hat sehr viele Opfer gefordert. Die Reaktionen waren geteilt. Einerseits Entsetzen über das Unglück, die Katastrofe und spontane Hilfe, die in eine organisierte ausgebaut wurde. Andererseits Häme, Verwünschung und Verfluchung, die einen tief barbarischen Zug böser Menschen offenlegten, die als Tugendterroristen von Gottesstrafe schwätzten und giftschäumend noch mehr den Opfern, die sie als Täter sahen, hintennachwünschten.


Noch etwas ließ sich beobachten: die Medien konnten nicht so viele der üblichen Opferbilder liefern, was die Geilheit der sich außerhalb des Katastrofengebiets Befindlichen nicht so recht befriedigte, was zu Abwertungen führte bzw. einiger Skepsis, ob es denn so schlimm sei. Es fehlten die massenhaften Nahaufnahmen zerbrechender Körper, ausrinnender Hirne, röchelnder Münder. Man hörte zuwenig Wimmern und Flehen.

Dem wurde von Beflissenen die rationale Kurzanalyse gegenübergestellt: Schuld war die Historie, der Kolonialismus, die frühen immensen Reparationsforderungen. Schuld waren die andern: der Eigenanteil der haitischen Elite wurde übersehen. Alle drei Extreme, die Opfersicht als auch die Gottesverurteilung bzw. ignorante Skepsis sind eine Art des Fernhaltens, der Abweisung als Erfassung: so und nur so lässt für jene sich das Außergewöhnliche erfahren und kommunizieren.

Das Fernsehen, das das Erdbeben nicht als Drama lieferte, das den gewohnten Filmwerken sich gleichstellen konnte, frustrierte: das Publikum fühlte sich betrogen. Da passiert anscheinend eine Katastrofe und dann wird sie auf Politik und Organisation beschränkt. Es fehlte der Schauder.

1755 führte das Erdbeben in Lissabon zu politischen und filosofischen Veränderungen, die sich vor allem in der Aufklärung dann zeigten. Das religiöse Denken, die Theodizee wurde geschwächt. Heute scheint die religiösen Eiferer nichts zu erschüttern: es mag geschehen was will, sie machen weiter in heilig-barbarischem Ernst der Unaufgeklärten, Versicherten, Bornierten, Gläubigen.

1790 reflektierte Immanuel Kant in seiner «Kritik der Urteilskraft» über die «Natur als einer Macht», die Furcht und das Erhabene:

«Wer sich fürchtet, kann über das Erhabene der Natur gar nicht urteilen, so wenig als der, welcher durch Neigung und Appetit eingenommen ist, über das Schöne. Jener fliehet den Anblick eines Gegenstandes, der ihm Scheu einjagt; und es ist unmöglich, an einem Schrecken, der ernstlich gemeint wäre, Wohlgefallen zu finden.»

«... Vulkane in ihrer ganzen zerstörenden Gewalt, Orkane mit ihrer zurückgelassenen Verwüstung, der grenzenlose Ozean, in Empörung gesetzt, ... machen unser Vermögen zu widerstehen in Vergleichung mit ihrer Macht, zur unbedeutenden Kleinigkeit. Aber ihr Anblick wird nur um desto anziehender, je furchtbarer er ist, wenn wir uns nur in Sicherheit befinden; und wir nennen diese Gegenstände gern erhaben, weil sie die Seelenstärke über ihr gewöhnliches Mittelmaß erhöhen, und ein Vermögen zu widerstehen von ganz anderer Art in uns entdecken lassen, welches uns Mut macht, uns mit der scheinbaren Allgewalt der Natur messen zu können.»

Eine wichtige Erkenntnis: Jeder Horror, auch der schlimmste, wird nicht nur erträglich, sondern sogar lustvoll, wenn man selbst nicht direkt betroffen ist, wenn man in Sicherheit ist und – wenn man niedrig oder pervers ist. Qual wird dann, kommuniziert, zur Lust. Geisterbahn, Horrorfilm und Kriegsbilder von unsäglichem Leid, ungeahnter Zerstörung, grausamster Vernichtung, Aufnahmen von qualvollen Folterungen und dergleichen werden zum spannenden, lustvollen Ergehen, zum Schauer, dessen Rieseln man genießt.

Die Zuschauerrolle, das Genießen des Horrors, hat auch Lukrez (97 – 55 vC) in seinem Lehrgedicht «De natura rerum» behandelt:

Süß ist's, anderer Not bei tobendem Kampfe der Winde
Auf hochwogigem Meer vom fernen Ufer zu schauen;
Nicht, als könnte man sich am Unfall andrer ergötzen,
sondern dieweil man es sieht, von welcher Bedrängnis man frei ist.

Schiller ging darauf ein, behandelte das Thema tragischer Kunst, reflektierte Mitleid. Nietzsche wandte sich gegen die Mitleidsauffassungen, was viele auch heute nicht verstehen können, weil sie die Zusammenhänge mit der «Süße» und Lusterfahrung aus sicherer Position heraus mitzuleiden, nicht erkennen, ganz unabhängig von anderen Aspekten der Selbsttäuschung oder Verlogenheit.

Heute drücken viele ihr Mitleid in Spenden aus. Konkrete Hilfe. Aber viele andere schwelgen in Sensationsgier oder religiösen Verwünschungen. Sie zeigen an, dass wir mit dem Untier Mensch noch weit schlimmer rechnen müssen, als vermutet. Für die Mehrheiten sind die Medien die Hauptgestalter der Weltbilder: sie zeichnen das theatrum mundi, verteilen die Räume und Rollen. Deshalb erscheint vieles als Groteske oder Farce, als Unterhaltung. Und Unterhaltung hilft, außen vor zu bleiben, sich nicht einzulassen, sondern auszulassen; Zeitvertreib eben.

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