Die Bevormunder

31.01.2010 Haimo L. Handl

Ein Vormund ist jemand mit Erziehungsgewalt über sein Mündel bzw. mit Handlungsvollmacht, weil das Mündel, der Bevormundete, (rechtlich) nicht geschäftsfähig ist. Keine freie Person hat einen Vormund. Nur Entmündigte genießen als Mündel den Schutz und die Hilfe des Vormunds. Kinder sind noch keine freien Personen.


Die hohe Errungenschaft des bürgerlichen Personenbegriffs wird aber auch in den westlichen Gesellschaften seit Jahren systematisch unterminiert, erodiert, ausgedünnt. Der Freiraum, der einerseits Rechte, andererseits Pflichten umschreibt, wird immer stärker eingeengt zugunsten öffentlicher, staatlicher Kontrolle und sogenannter Betreuungsmaßnahmen oder Auflagen und Vorschriften. Es geht um eine Verhaltenssteuerung, um eine Kontrolle leichter lenkbarer Personen, die deshalb immer weniger Persönlichkeitsrechte wahrnehmen dürfen oder sollen. Umgekehrt wächst damit das Heer an Quasi-Vormündern, an Betreuern, Coaches, Psychologen, Psychiatern, Fachberatern, Experten. Je höher entwickelt die Expertokratie, desto niedriger der Persönlichkeitsfreiraum. Andere bestimmen, was gesund ist, was krank macht, was gegessen und getrunken werden darf, was man ansehen oder lesen darf (Pornografie, in vielen Ländern Politik, Ideologie, Filosofie oder Religion), was man glauben darf oder muss (Religionsfreiheit oder Verpflichtung), was man als eigene Meinung äußern darf (Meinungsfreiheit, aber nicht für tabuisierte Themen etc.).

Zum Schutz der Bevölkerung vor Verbrechern und Terroristen bzw. Amokläufern, die, geht man nach den Medien, jederzeit überall zuschlagen, sollen gewisse Präventionsmaßnahmen gesetzt werden, die ein Früherkennen und «Neutralisieren» ermöglichen. Wie in der Gesundenvorsorge soll der Volkskörper permanent überprüft und kontrolliert werden, damit früh genug Abnormes, Krankes, Systemwidriges aufgespürt und «behandelt» werden kann.

Ende letzten Jahres las ich von einem Forschungsprojekt an der Universität Zürich über die Messung von Gehirnaktivitäten, die durch ausgeklügeltes Scannen sichtbar machen sollen, wer ein potentieller Lügner sei. In der NZZ vom 9.12.2009 hieß es dazu: «Laut Baumgartner [Neurowissenschaftler und Studienleiter] weisen die Ergebnisse aber darauf hin, dass Gehirnmessungen bösartige Absichten enthüllen können, bevor die unehrliche oder betrügerische Tat tatsächlich begangen worden ist. Ein solcher Befund lasse folglich die Spekulation zu, dass Gehirnmessungen künftig nicht nur verwendet werden könnten, um Übeltäter zu überführen. Sie könnten vielleicht sogar mithelfen, betrügerische und kriminelle Machenschaften zu verhindern.»

Damit so ein Konzept gesellschaftlich wirksam und relevant werden kann, müssten, wenn nicht alle Bürger, so doch wichtige Schichtvertreter permanent überwacht und gemessen (scanned) werden. Es lässt sich leicht vorstellen, dass z. B. das nicht die Banker und Börsenexperten sein werden oder hohe Manager bzw. wichtige Politiker, sondern Randgruppenvertreter, Asylanten, Ausländer bzw. allgemein «Verdächtige».

Würden nämlich alle Angehörigen der sogenannten Chefetagen, des oberen Managements und alle Parlamentarier bzw. Regierungsmitglieder erfasst werden, müsste man das Programm sofort abbrechen, weil die Ergebnisse öffentlich nicht vertretbar wären oder man definierte Ehrlichkeit, Rechtschaffenheit etc. um, wie man es in der Praxis ja schon macht. 'Dann folgte halt die pseudowissenschaftliche Erklärung hintennach.

Dass es sich bei solchen Konzeptionen und Unterfangen nicht um wirre Gespinste handelt, beweist der Gesundheitskampf, der Antiterrorkrieg, der Verbrechenskampf der europäischen Regierungen. Die Mehrheit der Bevölkerung sieht sich von Terroristen umlauert, fürchtet den Arbeitsklau durch Immigranten, ist zornig über Bettler und Ladendiebe und nimmt einfach nicht zur Kenntnis, trotz Vorliegen eindeutiger Belege, dass gerade die hohen Politiker die Regeln bestimmen, nach denen die Umverteilung von unten nach oben funktioniert, dass viele Banker Verbrecher sind, dass die Spekulationsgeschäfte einerseits und die schnöd-zynischen Profitinteressen andererseits die meisten Arbeitsplätze vernichten, und nicht der ungeliebte Arbeitssuchende, vor allem, wenn er ein Fremder ist, ein potenzieller Feind.

Kürzlich hat Tony Blair, Kriegsverbrecher, Rechtsbrecher und Lügner, dreist seine Lügen wiederholt. Ohne irgendwelche adäquate Reaktionen, ohne Sanktionen befürchten zu müssen.

Wenn Leute wie er, und die oberen Riegen der nationalen Regierungen und EU-Stellen sind voll davon, solchen Gehirnmessungen unterworfen würden, hätte Europa das Problem, entweder keine «Führungskräfte» mehr zu haben oder offen zugestehen zu müssen, dass nur Kriminelle oder Kranke führungsfähig sind bzw. die Führung innehaben.

Vermutlich würde das die Mehrheit der Bevölkerung nicht überraschen. Leider aber auch nicht zu jener Art Protest und Widerstand führen, der nötig wäre, diese skandalösen Praxen abzustellen. Die Mehrheit würde vielleicht derart bloßgestellte, entblößte Politiker, Manager und Banker als Opfer bedauern und sogar Hilfsaktionen organisieren. Zu weit hergeholt? Da erinnere ich mich der peinlichen Massenhysterie in Kärnten und Teilen Österreichs anlässlich des Ablebens eines besoffenen Autorasers, der Mitleidsbekundungen wegen des armen Herrn Elsners und seines Leidensweges, der dauerhaften Sympathie und Unterstützung eines mafiotischen Berlusconi und, nicht zuletzt, eines Tony Blair, den ja die Partei hielt und dessen Partei immer noch das Sagen hat. Und bei uns beweisen das Grasser-Bubi, der Scheuch-Kärntner und andere Figuren aus dem Kabinett der Günstlinge und Hochkommer, teilweise aus der Magna-Kaderschmiede, teilweise aus dem früheren Hypo-Alpe-Adria-Umfeld, was alles möglich ist.

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