Schwacher Trost

24.01.2010 Haimo L. Handl

Kürzlich sandte mir jemand ein Video mit Aufnahmen des Auftritts von Strache in der Sendung «Wir sind Kaiser» mit der selbstzufriedenen Bemerkung, dass Strache schön blöd dagestanden habe usw.


Schon bevor ich mir das Video ansah, war ich skeptisch. Ich hatte die Einführung dieser Sendereihe mir angesehen und bin in meiner Skepsis oder vielleicht auch meinem Vorurteil, dass das nichts Gutes sein könne, bestätigt worden. Generell finde ich die hiesige Kabarettszene schwachbrüstig, betulich, hausbacken und hausmeisterisch. Eben dem Geist Österreichs, und besonders derer, die meinen, sie seien anders, obwohl sie darin und daran sind, entsprechend. Dass just die Kaiserfigur in einem Land, das den tiefen Komplex von jahrhundertelanger Hofherrschaft immer noch nicht verarbeitet hat, als Katalysator oder Witzheld tauglich sein soll, war mir unvorstellbar und beweist sich, für mein Verständnis zumindest, durch die willige Annahme des Publikums und die peinliche Programmgestaltung.

Die Art dieser Figur und die behandelten Inhalte fallen auf die Macher und die Mitmacher sowie die Zuschauer zurück. Das Spiel des Hofzeremoniells ist das eine, die Beachtung der Gesprächsetikette, das andere. Dazwischen die Themen, die sich rasch abgreifen. So auch in jenen Fällen, die vom Publikum sehr geschätzt werden. Allein schon durch die Reihung neben Schicki-Micki-Pflanzereien, unwichtigem Szenegeschwätz und anderen Überflüssigkeiten, verliert sogar jener halbpolitische Teil, der gewönne, wäre er politisch und in anderem Umfeld.

Gerade bei so miesen Figuren wie Strache (nicht, dass die sonst Eingeladenen immer besser wären) wird deutlich, dass nur die formale Beachtung vereinbarter Kommunikationsregeln, die Witzfigur des Kaisers, der dadurch als Gewissen der Nation und positive Vaterfigur verstärkt wird (das selbst schon ein Skandal in Umwandlung der horriblen Figur, wie sie als Überpapa immer noch schwache Naturen beherrscht!), brillieren oder «gewinnen» lässt. Und genau diese unrealistische, fast märchenhafte Situation und Szenerie ist nicht nur verkappte Nostalgie, sondern Ersatz, Escape im negativen Sinn, Vortäuschung.

Deshalb finde ich dieses Kabarett schlechtes Kabarett, weil es nicht aufdeckt, sondern zudeckt, täuscht. Es macht das Publikum, zumindest jenen Teil, der das nicht durchschaut (wobei jene, die es durchschaut haben, wahrscheinlich nicht mehr zuschauen), glauben, eine Figur aus dem realen Leben sei real bloßgestellt, angepatzt worden bzw. habe dies oder jenes einstecken und hinnehmen müssen. Und wenn die Kabarettisten schon Pseudo sind, dann die Mitmacher als Mitläufer erst recht. Und das Publikum? Na ja...

Würde ÜBER die Figuren gelästert oder aufgedeckt werden, könnte eine Pointe sitzen. Dann könnte es vielleicht zu Prozessen kommen und das Format an Schärfe gewinnen, wenn nicht nur eine unbedeutende, in der Szene vermeintlich bedeutende Figur angegriffen würde. Hier, fast typisch in und für Österreich, wird der Angegriffene eingeladen mitzuwirken. Und er wirkt mit, weil er damit entschärft, ähnlich dem Mörtel, der vor der Tür als Häuflein wartet und beklatscht wird. Alles hat seine Funktion. Alles ist im System und integriert. Alles ist Szenerie und nichts hat wirklichen Bezug zur eigentlichen Welt außerhalb. Man tut nur so. Als ob. Als ob man Kaiser wäre. Als ob man Kabarett mache. Als ob man verstünde. Als ob man anders wäre.

Es scheint, als wolle sich ein Teil des Publikums im Ersatz- und Wunschdenken gütlich tun, weil in der Realität die Politik anders läuft: sie versagt für die einen, sie ist äußerst erfolgreich für die andern. Hier, beim Kaiser, wird er aber bloßgestellt, der Böse, der plötzlich nicht so selbstsicher antwortet. Aber die inszenierte Schwäche ist eben nicht real, ist eine Täuschung. Nur wegen der Vereinbarungen, der Regeln, erscheint die Figur etwas anders. Überträgt das jemand, seinem Wunsch- oder Rachedenken folgend, auf die Realität, unterliegt er einer folgenschweren Täuschung.

Das Geschwätz über die blöden, ungebildeten Rechten ist leider Geschwätz. Nicht, weil die Besagten nicht blöd oder ungebildet wären. Sondern weil die Mehrheit noch blöder und ungebildeter ist, damit solche Figuren Erfolg haben. Und sie haben Erfolg. Aber beim Kaiser und anderswo, wo die österreichischen aufrechten, politisch korrekten Kabarettisten wirken, wird so getan, als ob immer irgendwelche andere die Blöden sind neben den Figuren, die sie anschießen oder über die sie herziehen. Auch so eine Täuschung.

Und so klopfen einige sich auf die Schenkel und freuen sich, dass der Kaiser es den miesen Typen gezeigt habe. Wenn der Strache zum Beispiel wieder mehr Stimmen für seine Rechtspartei eingefahren haben wird, findet man außerhalb des erklärten Parteivolkes kaum welche, die zugeben ihn gewählt zu haben. Da hilft das ganze Wunschdenken à la Kaiser und Co. nichts. Da hülfe nur wirklicher Angriff, wirkliche politische Reaktion bzw. Aktion. Kaiser und Co. stabilisieren aber die Als-ob-Lage. Also schlussendlich Kollaboration. Für Gutmenschler eben und Korrekte.

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