Freier Buchmarkt

17.01.2010 Haimo L. Handl

Die verheerenden Auswirkungen der rumänischen Securitate auf die Schriftsteller, ihre Arbeit und die ganze Literaturszene, wird zögerlich, aber doch mehr und mehr deutlich. Das Unwesen der Zensur in China, nicht zuletzt anlässlich seiner Teilnahme an der jüngsten Frankfurter Buchmesse, ist offensichtlich; die Problematik der Autoren, «frei» Bücher publizieren zu dürfen oder zu können, wird breit debattiert. Immer gehen wir hierzulande, im Westen, davon aus, dass bei uns Freiheit herrsche und jedefrau und jedermann Bücher veröffentlichen könne. Es herrsche keine Zensur.


Obwohl offiziell keine staatliche Zensur herrscht, heißt das nicht, dass Autoren ihre Bücher in Verlagen unterkriegen. Dort, wo ein staatliches Fördersystem hilft, Bücher zu veröffentlichen, weil die Bücher am Markt sonst nicht lebbar wären, gelten auch nicht die Marktregeln.

Das hat etwas Positives. Aber auch seine Kehrseite. Offensichtlich hat der Markt nur eine begrenzte Aufnahmekapazität für Literatur, die außerhalb des üblich Unterhaltsamen ist. Man weiß aus Verkaufsstatistiken, wie gering die Auflagen von Meisterwerken waren von Autoren, die qualitativ ganz oben rangierten. (Der Verleger Unseld rechnete das seinem ungeduldigen, gierigen Autor Bernhard mal vor.)

Einer Art «Kulturauftrag» folgend subventionieren viele Staaten die Literatur bzw. die Verlagsszene. X Zeitschriften könnten ohne Staatshilfe nicht erscheinen, X Verlage wären schon bankrott oder publizierten das Übliche, also nicht Ausgefallenes, Lokales, Regionales.

Immer wird betont, dass wir einerseits einen freien Markt haben, andererseits die Kultur gefördert werde. Aber viele Bücher können nicht erscheinen, weil einerseits kein Verlag Interesse zeigt, andererseits weil, obwohl einer Verlag Interesse zeigt, die Finanzierung nicht möglich ist. Das heißt, im letzteren Falle fehlt die staatliche Förderung.

Nun könnte man sagen, was am Markt nicht unterkommt verdient nicht, produziert zu werden. Oder es soll in Kleinstauflagen in Kleinverlagen erscheinen. Plausibel. Aber das weitverzweigte Fördersystem wirkt als wichtiger Faktor: es verändert den Markt. Und Förderungen nicht annehmen oder nicht erhalten wird zum Entscheidenden. Der eine gewinnt einen Wettbewerbsvorteil, der andere verliert. Jedenfalls regelt sich nichts nur nach Marktkriterien, sondern stark nach jenen der Kulturbürokratie, die sich oft in willkürlichen Einzelentscheidungen eines Beamten oder Politikers äußern, die formal natürlich den Regeln entsprechen.

Und hier wird es interessant. Das Publikum hat die falsche Vorstellung eines freien Marktes und glaubt zudem, dass staatliche Förderungen nur unterstützen. Es sieht nicht, dass das Fördersystem spezifische, marktunabhängige, ideologische, politische Kriterien hat. Also redet es von Freiheit. Und, anders als in China, könne man hier publizieren. Kann man aber nicht.

Für Autoren, deren Bücher nie das Platzet erhalten und deshalb ohne Förderung keine Chance auf Publikation haben, ist es äußerst schwierig zu argumentieren. Einerseits wird sofort auf die Qualität verwiesen. Jede Nichtbeachtung oder Ablehnung erklärt sich qualitativ. Interessant, dass dies bei den chinesischen Dissidenten nicht so veranschlagt wird. Oder bei all den Fällen aus dem früheren Osteuropa, dem realkommunistischen Kulturraum. Galt dort nicht ebenfalls eine Qualität? Weshalb sollte etwas, das nicht den geltenden Regeln entsprach, publiziert werden? Ah, das waren falsche Regeln. Nun aber: sind die Regeln, die bei uns herrschen, richtige, korrekte? Wonach bemessen? Nach den nie ausgewiesenen Entscheidungen eines unbekannten Gremiums, falls es nicht die Einzelentscheidung eines Verwalters, Bürokraten oder Politikers ist?

Ein Abgelehnter kann nicht streiten bei uns. Es ist für ihn schlimmer als für den Fuchs mit den sauren Trauben. Denn er kann nie belegen, dass sein Produkt doch qualitativ hochwertig sei. Denn der beste Beleg wäre die Publikation - und manchmal dann der Erfolg.

Ihm wird auch keine Medienaufmerksamkeit zuteil, weil er ja weder verfolgt noch offiziell oder staatlich beeinträchtigt wird. Er hat weder Schreibverbot noch andere Auflagen. Er ist ja frei. Aber er kann, wie sein chinesischer Kollege, der nicht ins Schema passt, nicht publizieren. Eigentlich ist es für ihn schlimmer, weil er nie zu einem Fall wird und deshalb keine Aufmerksamkeit erhält bzw., falls er es schafft aufzufallen, nie überzeugen kann: immer liegt es am Produkt, nie an der Kulturbürokratie.

Am freien Markt, der nie gerecht sein kann, ist oder wäre es anders. Niemand kann dem Publikum etwas aufzwingen. Wessen Produkte nicht verlangt werden, dessen Arbeit findet keinen oder kaum Lohn. Aber die Krux liegt darin, dass wir keinen freien Markt haben. Sobald aber jemand, den die Kulturbürokratie schneidet, der nie Fördermittel lukrieren kann bzw. dessen Verlage für ihn nichts erreichen, das darlegt, wird just nach Kriterien des freien Marktes argumentiert und alles auf sein Produkt zurückgeführt, das halt untauglich sei.

Gleichzeitig gibt es politische Kulturdebatten über das Unwesen der Zensur, über staatliche Aufsicht und Verfolgung, über die Unbill der Verlagsszene in Ländern mit solchen Zensuren und dergleichen mehr. Ein widerlich verlogenes Schauspiel.

Viele Einrichtungen für Autoren und Literatur sind dabei Bestandteil dieses Systems, weil sie gleiche oder ähnliche Verhaltensweisen pflegen: in vielen Fällen ist einfach maßgebend, wer wer ist bzw. wen wer kennt. Und nicht die Qualität seines Produktes. Wonach wird die übrigens bemessen? Sie kann nicht fix sein, sondern hängt vom Rezeptionsumfeld und der Zeit ab. Es ist auch nicht böser Wille von Juroren, dass sie einmal so, ein andermal anders über ein vergleichbares Produkt urteilen. Was aber, wenn die Kriterien so vage, so schwammig sind, dass beim besten Willen nicht nachvollziehbar geurteilt, bewertet werden kann? Schließlich sind Kulturprodukte keine naturwissenschaftlichen Arbeiten, die man nach eindeutigeren Kriterien beurteilen kann.

Die ungute Situation lässt sich nicht ändern, so lange die Vermischung der Konzepte «freier Markt» und staatlicher «Kulturauftrag» in der Weise fortgeführt werden, wie wir sie kennen. Und nichts deutet darauf hin, dass Änderungen, Öffnungen erfolgen sollen. Der Apparat bedient die Mehrheit zu gut. Pech haben die am Rand.

Das war doch immer schon so, werfen Sie ein. Stimmt. Nur möchte ich dann nicht das Geschwätz über Zensur im Ausland hören, über die schlimmen Arbeitsbedingungen gewisser Kollegen. Denn viele Bücher werden in aller Freiheit bei uns abgelehnt, verhindert, ganz ähnlich wie in China, wie in der früheren DDR und Sowjetunion. Nur smarter, kaschierter.

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