Herumirrende in der Hölle

26.12.2009
Yiyun Li

Yiyun LIn: Die Sterblichen

Yiyun Lis Romandebüt erschien in deutscher Übersetzung von Anette Grube im Münchener Hanser Verlag im Sommer dieses Jahres. Das amerikanische Original erschien im Frühjahr bei Random House unter dem Titel «The Vagrants». Der Unterschied des Originaltitels zum deutschen, der positiv konnotiert ist, fällt sofort auf.


Was mögen die Beweggründe gewesen sein, nicht «Vagabunden» oder «Vaganten» zu wählen oder «Wandernde» bzw. «Herumirrende»? Bedeutet doch «vagrants» auch Tramp, Herumstreicher, ziellos Wandernde (die keiner geregelten Arbeit nachgehen), Bettler oder Prostituierte. Wollte man das Bild des «ewigen Wanderers», das in Deutschland in der Nazidiktion als abfällige Kainsbezeichnung der Juden missbraucht worden war, vermeiden? Aber «Sterbliche» ist positiv, während das Original eindeutig negativ verstanden wird und auch solches bedeutet.

Und negativ ist die komplexe Geschichte, die in trockener, fast semidokumentarischer Art erzählt wird, die gerade deshalb stark unter die Haut geht, weil die Grausamkeit der chinesischen Gesellschaft um 1979, die absurde, kafkaeske Unmenschlichkeit und Perversion, die niemandem gestattet unschuldig zu überleben, im etwas lakonischen Stil, ohne Aufbauschungen und sonst üblicher Sammlung von Invektiven oder sprachlichen Ebenbildern der Barbarei, wie etwa in «Die Brüder» von Yu Hua, den Leser gefangen nimmt in eine Geschichte, die nicht abgeschlossen ist, nicht fern, nicht «fiktiv», obwohl düster wie ein schwärend dunkler Alptraum, doch immer wieder «banal plausibel» von einem Land und seiner grausamen Zurichtung, Abrichtung und Vernichtung jener Menschen, die Feind wurden, die stören.

China, gut zehn Jahre nach des großen Führers Tod, nach der verheerenden, inhumanen, blutrünstigen Kulturrevolution (welch ein Hohn, dieses Wüten mit dem Begriff von «Kultur» in Verbindung gebracht zu haben; so etwas hätte Himmler und Genossen entsprungen sein können!) war die Hölle. China ist heue noch kein Land der Menschlichkeit, der Rechtsstaatlichkeit, der Normalität.

Dieser Tage wurde der ehemalige Professor und seit über einem Jahr inhaftierte Liu Xiaobo im Gericht der Staatssubversion angeklagt; am 25.12.09 erging das schockierende Urteil über 11 Jahre Haft. Von ca. 490 Artikeln, die er seit 2005 im Internet publiziert hat, wurden ganze sechs als Beweisstücke verwendet. Der eigentliche Grund dürfte seine Mitunterzeichnung der Charta 08 sein; jetzt soll an ihm ein extremes Exempel statuiert werden. Politische Analysten weisen darauf hin, dass in China sich der autoritäre Kurs von Partei und Regierung in dem Maße verstärkt, als die wirtschaftliche und damit politische Bedeutung Chinas gegenüber dem krisengeschüttelten Westen steigt. Seit gut einem Jahr werden die Kontrollen strikter, Zensuren strenger, vor allem im Internet, Verfolgungen intensiver, Strafmasse extremer. Weder Olympische Spiele (2008) noch die Teilnahme an der Frankfurter Buchmesse (2009) haben daran etwas geändert.

Umgekehrt liest man in der chinesischen Presse « Independent justice crucial for harmony» (By Ku Ma in China Daily, Dec. 24, 2009), wobei es aber um lokale Regierungspolitiken geht, vor allem hinsichtlich von Grundstücksenteignungen und Städtebau. Die vielbeschworene Harmonie wird im Bereich von Redefreiheit, Versammlungsrecht oder überhaupt demokratischer, rechtsstaatlicher Rechte weder gesucht, noch offen debattiert. Hier gilt das Tabu, hier wird hart durchgegriffen.

Liu Xiaobo war 1989 in den USA an der Columbia University, als der Studentenprotest am Tiananmen Platz begann. Er eilte heim in seine Heimat, engagiere sich im Protest und, als das Militär niederzuwalzen begann, beschwor er die Protestierenden, friedlich den Platz zu räumen. Der Professor wurde verhaftet und für 21 Monate hinter Gitter gebracht, ohne Prozess. 1996, als er es wagte öffentlich die Enthaftung von Gefangenen zu fordern, wurde er für drei Jahre in ein Arbeitslager gesteckt.

Zum jetzigen Prozess wurden ausländische Beobachter, seien es Diplomaten oder Journalisten nicht zugelassen. Sogar Liu Xiaobos Ehefrau wurde von der Polizei am Verlassen ihrer Wohnung gehindert. Nur ein kleines Häuflein schaffte es, trotz der Sicherheitskontrollen, vor dem Gerichtsgebäude Präsenz zu zeigen und zu demonstrieren. Jede Kritik von Ausland wird als unverschämte Einmischung rüde zurückgewiesen. Es herrscht kalter Kriegszustand außerhalb der profitablen Geschäftsbereiche.

Was hat der reale, aktuelle Fall mit dem Roman von Yiyun Li zu tun? Direkt nichts, indirekt viel. Die 1972 geborene Yiyun Li war 1996 in die USA gekommen und hat sich dort niedergelassen. Sie änderte ihr Studium der Immunologie zugunsten des Schreibens und wurde bald, nachdem sie die Green Card erhalten hatte, als young American writer gepriesen. Ihr Romandebüt handelt von den grausamen Vorgängen 1979. Liu Xiaobo, 1955 geboren, war nicht in den USA geblieben, sondern heimgekehrt in das reale Grauen.

Man muss die jüngere chinesische Geschichte kennen, um Literatur und Politik, Fiktion und Realität, annähernd würdigen zu können und um Romane wie den von Yiyun Li zu würdigen, als auch die Arbeiten und das Schicksal von Liu Xiaobo.

Damit zurück zu den «Sterblichen». In einem Interview in Publishers Weekly wird die Autorin der «gothic tale of curruption, murder and political paranoia in 1979 China» gefragt, was sie zum Schreiben in Englisch gebracht habe. Sie denke im Alltag viel chinesisch, aber sobald es um's Schreiben ginge, denke sie automatisch in Englisch: «English is my language of fiction. I feel free in English.» «I've never written creatively in Chinese.» Das untermauert die Integration als Amerikanerin ausländischer Herkunft, die zu den «best young American novelists» (GRANTA) gerechnet wird. Und sie hebt hervor, sie sei in einer Kultur aufgewachsen, wie in ihrem Roman geschildert. Aber nur kurz, möchte man hinzufügen, sonst hätte sie nicht erfolgreich darüber schreiben können, sondern wäre, wie Liu Xiaobo, verhaftet worden... Denn ihr Roman ist eine einzige Anklage gegen ein böses, grausames, menschenverachtendes Regime.

Am Frühlingsbeginn 1979, dem 21. März, ziehen viele Leute in der Provinzstadt Hun Jian, zusammen, bunt, lärmend, Fähnchen und Spruchbänder schwenkend. Aber es ist kein lustiges Volksfest, sondern ein Treffen zu einer Denunziationszeremonie im Stadion, wo die öffentliche Hinrichtung einer früheren Rotgardistin stattfindet. Shan, die Tochter des Lehrers Gu, einst selbst grausame Aktivistin, war aber vom rechten Glauben abgekommen und hatte schließlich ihren Verstand verloren. Jetzt wird sie hingerichtet. Man schneidet ihr die Stimmbänder durch, damit sie nicht etwa noch Parolen schreien könnte, man schneidet ihr die Niere raus, die für einen Bonzen als Transplantationsgut dient, man mordet sie, und an ihrem Leichnam vergeht sich noch ein Perverser. Gu Shan hatte als Fanatikerin schon im pur Menschlichen Verdacht und Grund genug gesehen für Verfolgung und Demütigung. Nach ihrem Fall erlitt sie ein ähnliches, ja schlimmeres Schicksal. Die Eltern Gu werden von freundlichen Beamten aufgefordert, für die Hinrichtungskugel zu zahlen. Alles hat seine Ordnung im Unrechtsstaat. Der Vater hatte sich damals, als die Rotgardisten wüteten, an den Tisch geflüchtet und über Poesie räsoniert. Seine Tochter Shan hatte einer Schwangeren in den Bauch getreten, was zur Geburt eines verkrüppelten Kindes, Nini, führte, einer Figur, bei der man an den Blechtrommler Oskar denkt, nur dass der positiv gezeichnet ist und Nin, wie alle andern, nicht nur Opfer ist, sondern auch Täter, denn in diesem System kommt praktisch niemand dem Verrat, der Untat aus, wenn er überleben will. Sie, die Zwölfjährige, hat ein Verhältnis mit Bashi, einem üblen Typen, Waise und Sohn eines Kriegshelden, und auch sie wird just die Menschen verraten, die ihr gut waren. Und Bashi, Zyniker und smarter Realist, wird gerade wegen einer Art Fürsorglichkeit drankommen, verhaftet werden. Weitere Figuren bilden Mosaiksteine im Protagonistengeflecht: die Nachrichtensprecherin und Schauspielerin Kai, die insgeheim mit der Opposition liebäugelt und sich durch Einheirat in eine Funktionärsfamilie sozial verbessert hat und das alte Ehepaar Hua, das nicht nur Lumpen sammelt, sondern, anders als alle andern, sich auch ausgesetzter Mädchen annimmt. Fast alle diese Figuren wollen leben durch überleben, koste es was es wolle; sie denunzieren Unschuldige, lassen Kinder im Stich, versklaven, verraten, beuten selber aus, misstrauen. Und einige erwischt es. Die andern finden nicht einmal Worte der Trauer. In dieser Gesellschaft, ähnlich einem GULAG, gibt es keine Würde, keine Ehre, kein Vertrauen. Gibt es Hoffnung? Eine kleine, schwache, wie von den Lumpensammlern Hua vertreten, die sich um ausgesetzte, verwaiste Kinder kümmern und die einen anderen Morgen erwarten.

Der Roman ist keine «Gothic novel», wie in den USA genannt, er ist kein exotischer oder Abenteuerroman, keine ideologische Abrechnung. Er ist das eindrückliche Bild einer verkommenen, brutalen, grausamen, niederhaltenden und niedergehaltenen Gesellschaft, die, wie die gegenwärtigen Vorgänge um Liu Xiaobo beweisen, immer noch nicht die Stärke gefunden hat freier und humaner zu sein.

Wie die deutsche Übersetzung ist, kann ich nicht beurteilen, weil ich nur das amerikanische Original gelesen habe. Heinrich Schulz

Yiyun Li - Die Sterblichen
Roman – übersetzt aus dem Englischen von Anette Grube
Erscheinungsdatum: 17.08.2009
Fester Einband, 384 Seiten
Preis: 21.50 € (D) / 37.50 sFR (CH) / 22.10 € (A)
ISBN 978-3-446-23421-5
Hanser Verlag

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