War is peace

13.12.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Am 10. Dezember 2009 nahm der amerikanische Präsident Barack H. Obama in Oslo den Friedensnobelpreis entgegen. Das norwegische Nobel Komitee hat sich einmal mehr einer Ideologie der realpolitischen Machtverhältnisse gebeugt bzw. als zumindest ideologisch integrierter Teil des herrschenden Establishments seinen Friedensvorstellungen damit deutlich Ausdruck verschafft.


Friedenspreise sind obsolet. Waren es immer schon. Heute aber mehr denn je. Der Friedensnobelpreis ist eine Peinlichkeit. Frieden ist, wenn er wirklich herrscht, von anderem Zustand als Krieg. Er ist kein Ereignis. Krieg ist in seiner negativen Aktivität immer Ereignis, vernichtendes, zerstörendes. Frieden bedeutet Lebensbedingungen ohne Krieg und Kampf, ohne organisierte Zerstörung und Vernichtung. Friede ist mehr als die Abwesenheit von Krieg. Das wäre Waffenstillstand. Kampfpause. Friede ist die Grundbedingung von Freiheit. Was wir haben und feiern oder beschwören, ist Scheinfriede, Freiheit für wenige, aufrechterhalten mit Waffengewalt und Krieg. Auch Wirtschaftskrieg.

Wir haben keine freien Gesellschaften. Wir haben keinen Frieden. Wir haben unterschiedlich unfreie Gesellschaften mit unterschiedlich intensiven Kriegen. Generell herrscht global Krieg, Zerstörung, Ausbeutung, Vernichtung.

Dass eine alte Einrichtung, von einem Industriellen aus schlechtem Gewissen installiert, sich dazu versteigt, angesichts des herrschenden Unfriedens, der Kriegszeiten, einen Friedenspreis zu verleihen, ist Hohn. Es ist auch Täuschung. Da helfen all die guten Worte nicht darüber hinweg.

Es ist die Krönung des durch Newspeak vergifteten, verseuchten Denkens, dem Undenken: «War Is Peace», wie es hellsichtig in der düsteren, negativen Utopie von George Orwell heisst. Das Skandalöse und Schlimme heute ist, dass Mehrheiten daran glauben, dass Mehrheiten sich am Krieg beteiligen, obwohl nur einige durch ihn gewinnen, profitieren.

Und dann kommt so ein Komitee daher, preist den Präsidenten der gegenwärtig mächtigsten Nation aus, einen Mann, der mit seiner Regierung und seinem Land für die meisten Kriege verantwortlich zeichnet, dessen Wirtschaftsgebarung, verantwortlungsloser Konsum zum schieren Weltruin führte, und dessen Land mit seiner Dauerkriegspolitik auch andere gewaltbereite Nationen, die ebenso geil um die Macht kämpfen, in diesem Wettlauf zu Kriegshöchstleistungen animiert und dabei das tödliche Spiel lizitiert.

Krieg gibt es in verschiedenen Formen. Vom dreckigen Terroranschlag über die blossen «Verteidigungsmassnahmen», auch wenn sie die Form von Präventivkriegen annehmen, bis zu regulären Kriegen zur Luft, zu Wasser und zu Lande. Nicht zu vergessen die urbanen Kleinkriegsformen im Hinterland, gegen die Zivilbevölkerung, gegen Verdächtige, «Sleeper» etc., die es im totalen Anti-Terrorkrieg zu vernichten gilt.

Anstatt schärfer das Unwesen der Kriege und der grassierenden Kriegsbereitschaft, ja perversen Kriegsgeilheit herauszustreichen und zu kritisieren, übt sich das Nobelkomitee in der rituellen Vergabe des Friedenspreises. Diesmal an einen Kriegsherrn, der, ungewohnt für die meisten, halt gut reden kann, und der die Untaten, die er natürlich für sein Land umsetzen muss, will er Präsident bleiben, medial geschickt, smart kaschiert, erklärt und legitimiert. Ein Täuschungsmanöver.

Es gab und gibt keinen gerechten oder heiligen Krieg. Ein Krieg als Notwehr wäre verständlich, trotzdem zu bedauern. Aber wann herrscht für den Westen oder sonst eine Grossmacht, wann für die USA eine Notwehrsituation? Es reicht schon die Gefahr einer Profitminderung ihrer Grossunternehmen, es reicht ein Abbröckeln ihrer Macht. Das ist, ganz banal pragmatisch, der Grund und die Rechtfertigung für Krieg. Darin unterscheiden sich die hoch zivilisierten Amerikaner um keinen Deut von primitiven Stammeskriegern, die sich ebenfalls keinen Dreck um Opfer scheren oder Menschenrechte und anderes Geschwätz.

Es wäre ehrenhaft für das Nobelkomitee, den Preis abzuschaffen, ihn nicht mehr zu verleihen. Das Kapital für die Preisgelder sollte umgekehrt für Informationen zu laufenden Ausbeutungen, Zerstörungen, Vernichtungen verwendet werden, damit jene, die interessiert sind, immer Bescheid wissen, wie der Stand der Undinge ist, wie gut das Geschäft mit dem Krieg läuft, welche Renditen es für wen abwirft.

Der Nobelpreis für den Frieden ist eine Beleidigung, eine Schmach und eine Schande. So, wie der Krieg, der jetzt als Friede gilt.

weiterführende Links:

Nobel Lecture by Barack H. Obama (Video, 37 minutes)

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