Kulturrelativitätschauvinismus vs. Einheitsgleichheit

29.11.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Leute, die viel reisen, schätzen meist stereotype Einrichtungen. Sie bieten Sicherheit und Komfort. Man weiss, was einen erwartet, man wird nicht enttäuscht, alles funktioniert in gewisser Mindestqualität. Weltweit. Hotelketten sind deshalb so erfolgreich, ebenso Supermärkte und Einkaufsoasen. Ganz gleich, in welchem Land sie sich befinden, sie sind immer gleich hochwertig; man kann fast schlafwandlerisch sie nutzen. Es gibt keine unangenehmen Überraschungen.


Das ist die eine Seite. Die andere ist eine gewisse Ermüdung durch die Gleichausrichtung. Das Immergleiche, vor dem schon der Zivilisationskritiker Nietzsche sich grauste, schreckt auch andere Naturen. Pragmatisch jedoch nimmt man die bedingte Unbill in Kauf, weil das Resultat der zusammenwachsenden, globalisierten Welt entspricht. The Global Village, wie es früher mal irreführend hiess (den meisten war der Widerspruch im Titel nie aufgefallen!), muss gleich sein, damit die Gleichen im Gleichen sich gleich wohlfühlen und die gleiche Qualität für ihr Geld erhalten.

Im Politischen zeigt sich der Trend zur Gleichschaltung oder, weniger bedeutungsbelastet ausgedrückt, zur Gleichartigkeit bzw. Gleichheit: es gibt, zumal unter den wichtigen Ländern und Gesellschaften, nur noch Kapitalismus. Sogar frühere Erzgegner konvertierten und frönen heute dem Supermodell. Das schafft Sicherheit und bietet Komfort.

Im Religiösen, einem Teilbereich des Kulturellen, ist es schwieriger. Hier zeigen sich Resistenzen. Hier wirkt befremdliches Eigentümliches länger nach. Im restlichen Kulturellen, also allem Profanen, gibt es zwar auch noch nationale oder regionale Eigenheiten, aber der Angleichungstrend, der globale, schreitet erfolgreich fort. Die «wahre» Kunst, die Kunstware, die was gilt, gilt nach einheitlichen, gleichen Kriterien, das beweisen die grossen Auktionen, die weltweiten Messen und Superausstellungen, die Preise. Ein Werk, das nicht global Wert hat und bringt, besitzt keinen nennenswerten.

Jüngst las ich von dem chinesischen Intellektuellen Zhou Guoping einen Artikel zum sogenannten west-östlichen Kulturenwettstreit (siehe Link am Ende des Artikels). Er sieht keine Kultur als superior an, glaubt nicht an eine Verwestlichung oder ihr Gegenteil und reklamiert generell Kulturwerte für jeden, jenseits aller nationalen Grenzen. Trotzdem ist er weit entfernt von den Gleichschaltern und Nivellierern, die eine pseudoglobale Kultur wollen. Er anerkennt bzw. schätzt Eigenheiten, nimmt sie allerdings ganz selbstverständlich in Anspruch, ganz gleich, von wo und wem sie stammen. Beeindruckend. Mit seiner Position steht er vielen Partikularisten entgegen, die nicht nur Eigenheiten bewahrt oder anerkannt wissen wollen, sondern die vielfach immer noch in Rangordnungen rechnen und auf- bzw. abwerten. Ein Schlechtteil der Interkulturalitätsdebatten leidet ja an dieser Krankheit. Zhou Guopings Sätze könnten einigen Eiferern, auch bei uns, zum Coaching empfohlen werden: «Arroganz und Demut jedoch sind genau das Gegenteil von Selbstachtung.» Es sind die Unsicheren, die Schwachen, die ängstlich um sich schlagen, ignorant borniert nur ihr (vermeintlich) Eigenes hochhalten und rüde gegen Andere vorgehen. Dass ein chinesischer Autor so einfach das ausspricht, zeigt, dass einerseits die Gleichschaltung noch nicht global gegriffen hat, andererseits die ideologische oder religiöse Borniertheit nicht überall wirkt.

Mir fiel, als ich von Zhou Guoping las, unwillkürlich ein Interview von dem russischen, damals sowjetischen, Filmregisseur Aleksandr Sokurov ein, das ich 1989 anlässlich der Ausstrahlung seines Filmes «Tage der Sonnenfinsternis» sah und hörte. Darin hatte sich der Russe, kurz vor der Implosion der riesigen Union der sozialistischen Sowjetrepubliken, über eine Gefahr der Internationalisierung geäussert, wie man es später so nicht mehr hörte:

«Ich hoffe, dass die Regisseure, wenigstens die jungen Regisseure, einer Kolonialisierung Russlands widerstehen werden. Denn letzten Endes, scheint mir, können wir für einander nur interessant sein, wenn unsere kulturelle Eigenart vollständig gewahrt bleibt. Solange wir Russen sind und Sie Deutsche, solange sind wir füreinander interessant. Wenn die nationalen Besonderheiten sich auflösen und zu verschwinden beginnen, sind wir von diesem Augenblick an nicht mehr interessant füreinander. Dann bleiben nur Bach, Händel, alles, was einmal war, nicht das, was heute ist. Die Internationalisierung der Kultur ist schlimm, sehr schlimm.»

Ich weiss nicht, wie weit die Filmproduktionen von Sokurow im neuen Russland, das nach dem Zusammenbruch der USSR folgte, diesem Denken entsprechen. Russland wurde nicht kolonialisiert. Die verbrecherische Gesellschaftsorganisation braucht nicht auf ausländische Modelle zurückzugreifen. Alles ist nach alter, russischer Tradition. Auch das Unwesen der Neureichen, der obszönen Oligarchen, einiger schier allmächtiger Politiker. Trotzdem scheint eine Angst vor dem Ausland zu herrschen und westlichen Einflüssen, denen man ungewollte Freiheiten, die in Russland wie Krebs und Aussatz gescheut werden, zuschreibt, weshalb viele Nationale, wahre Russen, denen die russische Seele so am Herz liegt, gegen Verweichlichte auftreten, gegen Homosexuelle oder Intellektuelle, die nichtrussisch denken und das öffentlich machen.

Damals sah Sokurow eine Gefahr. Was sieht er heute? Ich weiss es nicht. Seine damalige Position steht nicht im Widerspruch zum Austausch. Ich könnte sein östliches Denken mit dem fernen aus China verbinden. Und beides mit Europa. Wenn die Position aber unsicher, ängstlich war oder ist, kann sie leicht zu hysterischen oder verbitterten, unfreien Abwehrhaltungen führen, von denen gegenwärtig Russland in Extremen gebeutelt wird. Und wovon die Zensur- und Verfolgungsmassnahmen der chinesischen Regierung ebenfalls unrühmliches, trauriges Zeugnis ablegen.

Globale Gleichheit, Kolonialismus, Nationalismus? Die verordnete Gleichmacherei im Zuge der instrumentalisierten Globalisierung ist kein Fortschritt, sondern ein Einpassungsprogramm für nutzbringendes, profitables Funktionieren. Die Alternativen liegen aber nicht im Nationalistischen oder Chauvinistischen. Es gibt, wie Zhou Guoping richtig bemerkte, etwas Anderes. Es ist alt und immer neu, wenn es durch die Praxis lebendig erhalten wird. Etwas jenseits der Grenzen, der realen und mentalen. Etwas Aktives, Besonnenes, Eigenes, das gerade wegen seiner Selbstvergewisserung sich mit Anderem, dem Fremden, offen einzulassen vermag.

Ich will mit einem Zitat eines jüdischen, deutschen Europäers enden und damit den Kreis schliessen. Max Horkheimer schrieb 1960 in seinen «Notizen»:

«Durch die geistige Passivität, in welche die Menschen in der neuen Wirtschaft versetzt werden, die ausschließliche Konzentration auf Geld und job, die hohe Schlauheit, auf die der seelische Apparat der Individuen reduziert wird, erhalten die durchsichtigsten Wahnideen, sofern sie nur am Horizont auftauchen und das screening der Massenkommunikation passieren, jede Chance.»

weiterführende Links:

Zum Beitrag von Zhou Guoping

weiterführende Links:

Zum Beitrag von Zhou Guoping

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